Wissensberufe und KI — Stellenwandel durch Automatisierung

Wissensberufe und KI — Stellenwandel durch Automatisierung

Von David Schulte-Herbrüggen · Zuerst auf LinkedIn erschienen am 18.02.2026

Suleymans Prognose: 12 bis 18 Monate

Mustafa Suleyman, KI-Chef bei Microsoft, hat im Februar 2026 eine Hausnummer in den Raum gestellt. Aufgaben von Juristen, Buchhaltern und Projektmanagern werden in 12 bis 18 Monaten durch KI automatisierbar. Das Zitat steht in einem Fortune-Interview vom 13. Februar 2026. Suleyman sagt nicht, dass alle diese Jobs verschwinden. Er sagt, dass die Aufgaben innerhalb dieser Berufe technisch lösbar werden — das ist die Vorstufe.

Die Reaktion in der Diskussion ist häufig: zu kurze Frist, zu steile Aussage. Die nächste Frage wäre dann aber, was Unternehmen heute schon tun, um sich auf genau dieses Szenario einzustellen. Und dort sind die Daten klarer als die Prognose.

Was Unternehmen aktuell streichen

Baker McKenzie hat im Februar 2026 angekündigt, rund 1.000 Stellen in Business Services abzubauen. Betroffen sind Rechtsrecherche, Wissensmanagement, Marketing und Administration. Die Kanzlei begründet das im Global Legal Post explizit mit dem KI-Einsatz. Das ist kein Zukunftsszenario, sondern ein laufender Stellenabbau in einer der größten internationalen Wirtschaftskanzleien.

Salesforce hat seinen Kundensupport von 9.000 auf 5.000 Mitarbeitende reduziert. Minus 44 Prozent. CEO Marc Benioff hat das öffentlich mit dem Einsatz von KI-Agenten begründet. In US-Daten taucht derselbe Effekt aggregiert auf. Eine HBR-Auswertung vom Januar 2026 zählt 55.000 US-Stellen, die 2025 explizit mit KI begründet wurden. Die Dallas Fed hat im selben Monat einen Befund veröffentlicht, der die Mechanik präziser macht. Beschäftigung junger Arbeitnehmer:innen zwischen 20 und 24 Jahren in KI-exponierten Berufen ist seit November 2023 um mehr als drei Prozentpunkte gefallen. Der Rückgang kommt nicht durch Kündigungen zustande, sondern durch Einstellungsstopp.

Das ist der eigentliche Befund. KI-bedingter Stellenwandel zeigt sich heute primär als nicht besetzte Position, nicht als Massenentlassung.

Wie der Mechanismus läuft

KI erhöht zunächst die Leistungserwartung pro Kopf. Eine Anwältin, die mit KI-Recherche einen Mandanten in der halben Zeit bedient, schafft die doppelte Mandantenzahl bei gleicher Stundenauslastung. Buchhalter:innen, die Kontenabstimmung mit Agenten automatisieren, brauchen weniger Zeit pro Mandanten-Lohnabrechnung. Projektmanager:innen, die Status-Reports generieren lassen, können mehr Projekte parallel begleiten.

In der Folge sinkt der Personalbedarf je Auftragsvolumen. Wenn das Auftragsvolumen nicht im gleichen Tempo wie die Produktivitätssteigerung wächst, bleibt am Ende eine kleinere Belegschaft. Das ist die Mechanik hinter dem Salesforce-Beispiel und hinter dem Baker-McKenzie-Schritt. Beide Unternehmen senken Personal, ohne Umsatzziele aufzugeben.

Dario Amodei, CEO von Anthropic, hat in Davos im Januar 2026 die Prognose formuliert, dass 50 Prozent der Einstiegs-Büroberufe innerhalb von ein bis fünf Jahren durch KI ersetzt werden. Er nennt das eine ungewöhnlich schmerzhafte Disruption. IWF-Chefin Kristalina Georgieva hat auf demselben Forum von 60 Prozent KI-beeinflussten Jobs in Industrieländern gesprochen. Beide Zahlen sind Schätzungen. Beide kommen aus Quellen, die die nächsten Jahre prägen werden.

Wo der Effekt vorerst gebremst ist

Die Aussage "12 bis 18 Monate" ist eine Aussage über technische Automatisierbarkeit, nicht über Marktreife. Drei Bremsen sind sichtbar.

Erstens regulatorisch. Aufgaben mit Haftungsbezug, etwa Steuerberatung, abschliessende Rechtsberatung, formelle Lohnabrechnungs-Verantwortung, bleiben an Berufsträger:innen gebunden. Zweitens datenschutzbezogen. KI-Systeme, die personenbezogene HR-Daten verarbeiten, brauchen Auftragsverarbeitungsvertrag, technische und organisatorische Maßnahmen, oft Betriebsratsbeteiligung. Drittens klientenbezogen. Mandant:innen entscheiden mit, wie viel KI sie an ihren Daten akzeptieren. Gerade im Mittelstand ist die Akzeptanz heterogen.

Die Konsequenz: Stellenabbau passiert in Funktionen mit niedriger Haftung und hoher Skalierbarkeit zuerst. Legal Research, Wissensmanagement, Standard-Reporting. Dort, wo Baker McKenzie und Salesforce angesetzt haben.

Was bedeutet das für Payroll und HR?

Payroll Fuchs sieht die Mechanik in der Lohnbuchhaltung selbst und in den Mandanten-HR-Strukturen. Drei Beobachtungen.

Erstens wird die Lohnabrechnung selbst KI-näher. Stammdatenpflege, Kontenabstimmung, Bescheinigungswesen, Beleg-Routing: viele dieser Schritte sind agentenfähig, sobald Datenquellen sauber angebunden sind. Das senkt nicht den Bedarf an Lohnabrechnungs-Verantwortung, aber den Bedarf an manueller Vorbereitung pro Mandanten-Abrechnung. Wer mit DATEV-automatisierten Pipelines arbeitet, hat den Hebel schon halb gezogen. Wer manuell aufbereitet, trägt den Effizienz-Nachteil.

Zweitens verschiebt sich die HR-Rolle in den Mandanten-Unternehmen. Wenn Junior-Sachbearbeiter:innen in Buchhaltung, Recht, Marketing nicht mehr eingestellt werden, bricht der klassische Aufbau-Pfad in diesen Funktionen weg. Die Folge ist ein doppeltes Personalproblem: weniger Eintrittsstellen, gleichzeitig knappere mittlere Ebene, weil die Pipeline fehlt. HR muss heute Qualifizierungspfade für Bestandspersonal planen, sonst bleibt in fünf Jahren die Mitte leer.

Drittens steigen die Anforderungen an Verträge und Stammdaten. Befristungen, Aufhebungsverträge, Qualifizierungsmassnahmen, Kurzarbeit-Optionen werden in KI-betroffenen Funktionen wieder aktuell. Lohnabrechnung muss diese Vertragsarten sauber abbilden, sonst kommen Korrekturläufe rückwirkend.

Davids Position: KI verschiebt zunächst die Leistungserwartung, dann den Personalbedarf. Die zweite Bewegung ist bereits sichtbar. Wer Aufgabenprofile in der Wissensarbeit heute nicht auf KI-Tauglichkeit prüft und betroffene Mitarbeitende nicht frühzeitig für neue Rollen qualifiziert, trägt das Risiko in zwei bis drei Jahren über die Lohnsumme.

Wie Payroll Fuchs die Lohnabrechnung automatisiert und jede Abrechnung vom Wirtschaftsprüfer prüfen lässt, steht unter Lohnabrechnung automatisiert auslagern.

FAQ

Was genau hat Suleyman gesagt?
Mustafa Suleyman, KI-Chef bei Microsoft, hat im Februar 2026 prognostiziert, dass Aufgaben von Juristen, Buchhaltern und Projektmanagern in 12 bis 18 Monaten durch KI automatisierbar werden. Die Aussage betrifft Aufgaben, nicht Berufe als Ganzes.

Sind das nur Prognosen oder schon laufender Stellenabbau?
Beides. Baker McKenzie streicht aktuell rund 1.000 Stellen in Business Services und nennt KI als Grund. Salesforce hat den Kundensupport von 9.000 auf 5.000 reduziert. Eine HBR-Auswertung zählt 55.000 US-Stellen 2025, die explizit mit KI begründet wurden.

Wo trifft es zuerst?
In Funktionen mit niedriger Haftung und hoher Skalierbarkeit: Rechtsrecherche, Wissensmanagement, Standard-Reporting, Kundensupport. Stellen mit formaler Berufsverantwortung (Steuerberatung, abschliessende Rechtsberatung) bleiben vorerst gebunden.

Wie zeigt sich der Effekt heute?
Hauptsächlich als Einstellungsstopp. Die Dallas Fed hat für 20- bis 24-Jährige in KI-exponierten Berufen einen Beschäftigungsrückgang von über drei Prozentpunkten seit November 2023 dokumentiert — verursacht durch nicht besetzte Stellen, nicht durch Kündigungen.

Was sollte HR jetzt tun?
Aufgabenprofile auf KI-Tauglichkeit prüfen, Qualifizierungspfade für betroffene Funktionen aufsetzen und die Einstellungsstrategie an die neuen Produktivitäts-Hebel anpassen. Wer den klassischen Junior-Pfad streicht, ohne die mittlere Ebene aufzubauen, hat in fünf Jahren keine Mitte mehr.

Welche Rolle spielt die Lohnabrechnung dabei?
Eine doppelte. Die Abrechnung selbst wird agentenfähiger und fordert sauber gepflegte Stammdaten. Gleichzeitig steigen die Vertragsarten in der Belegschaft: mehr Aufhebungs- und Qualifizierungsvereinbarungen, mehr Wechsel zwischen Funktionen. Beides muss in der Payroll-Stammdatenpflege sauber abgebildet werden.

Quellen